Mein Weg aus der Versenkung zurück ins neue Jahr

Mein Weg aus der Versenkung zurück ins neue Jahr

Kunstwerk: Abstraktes FarbexperimentVielleicht ist es dem ein oder anderen aufgefallen – mein Blog lag jetzt schon geraume Zeit brach. Genau genommen seit dem 9. Dezember 2016… Das war mitten im Advent. Ich liebe ja die Weihnachtszeit und ich liebe es für Weihnachten zu basteln. Aber im letzten Dezember ist etwas passiert, das all meine Energie und all meine Kreativität und viel von meinem Antrieb insgesamt von einem Tag auf den anderen lahm gelegt hat. Das war der Tag, an dem ich -ohne es so richtig zu merken- in einer Versenkung verschwunden bin.

Dem Leben meiner besten Freundin aus Jugendtagen wurde ein jähes Ende gesetzt. Es war ein Ende mit Schrecken und das macht es noch schrecklicher. Ich möchte hier nicht über sie schreiben – das steht mir meiner Meinung nach nicht zu. Und das ist meiner Meinung nach auch nicht die Plattform dafür. Aber eines möchte ich sagen: Ich habe sie geliebt und sie wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen einnehmen, wo auch immer sie jetzt ist.

Was so ein Verlust alles verändert! Diese plötzliche Wertschätzung für das große Glück, das ich jeden Tag erleben darf. Dieses Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens. Sonst leere und meiner Meinung nach schwulstige Kalendersprüche wie „Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter“ machen auf einmal nachdenklich. Der Blick für das Wesentliche wird geschärft.

Ich habe bis heute keine Worte gefunden, die ich schreiben kann, die erklären, wie es mir geht. Und noch weniger finde ich Worte dafür, was das alles mit mir gemacht hat.

Wir hatten nicht mehr viel Kontakt die letzten Jahre. Und trotzdem – ich habe sie verloren. Jemanden, von dem ich immer dachte „unsere Zeit kommt wieder“. Lass noch ein bisschen Wasser den Rhein runter fließen, unsere Zeit kommt wieder. Jetzt sind unsere Kinder noch klein, aber unsere Zeit kommt wieder. Und auf einmal *BÄM* schließt sich diese Tür für immer. Ich werde nie wieder mit ihr in ihrem Auto durch die Gegend cruisen, viel zu laut Musik hören, einen coffee to go kaufen. Ich werde nie wieder mit ihr in unseren Erzählungen an Orte zurück reisen, die wir mit 15 besucht haben. Wie diese Orte aussahen, wie unsere Stimmung war, wen wir getroffen haben – diese Erinnerungen existieren jetzt nur noch in mir. Ich kann sie mit ihr nicht gemeinsam wieder zum Leben erwecken, nicht mehr besuchen. Das lässt mich einsam fühlen.

Kunstwerk: Lila WeltenIch habe nicht so viel geweint, wie ich gedacht hätte. Ich habe nicht so viel gehadert, wie ich gedacht hätte. Ich hab auch nicht so viel mit anderen geredet, wie ich gedacht hätte. Ich habe auch insgesamt nicht so viel gedacht, wie ich es von mir gedacht hätte. Ich war einfach nur leer. Und eines war wirklich neu für mich: Ich konnte nicht mehr schlafen. In der Zeit, die ich länger wach war, konnte ich aber nichts mit mir anfangen. Es war leere Zeit.

Zwischen den Jahren habe ich dann beschlossen, die Familie meiner Freundin in der Nähe von Detroit zu besuchen. Als der Flug gebucht war, war ich erleichtert. Und gleichzeitig wuchs eine Spannung in mir, die ich bis dahin nicht kannte. Fragen über Fragen über Fragen über Fragen. Wie werde ich ihre Mutter vorfinden? Wie geht es ihrem Sohn? Spricht er über seinen Verlust? Werde ich überhaupt Vertrauen oder Zutraulichkeit erfahren? Wie fühlt es sich an in ihrem alten Zimmer zu sein? Was ist von ihr übrig? Wird diese Familie wieder glücklich? Kann ich alles sagen, was ich denke? Kann ich alles fragen, ohne zu verletzen? Darf das Leben einfach weiter gehen? Dürfen wir in dieser Woche auch Spaß haben? Wird es eine lange Woche oder werden die Tage nur so vorbei fliegen? Eine so krasse Reise habe ich noch nie unternommen…

Wir haben gemeinsam geweint. Wir haben gemeinsam gelacht. Und wir haben stundenlang geredet. Über Tiefgründiges, über Unwichtiges, über Fröhliches, über Trauriges, über Belangloses, über Vergangenes, über das, was übrig bleibt. Und wir waren gemeinsam aktiv. Wir haben gemeinsam etwas unternommen. Wir waren sogar auf einer Stadttour durch die verlassenen Gebäude von Detroit – ein Abenteuer, das meine Freundin geliebt und bis an seine Grenzen ausgereizt hätte.

Kunstwerk: Bunte UnterwasserweltIn der Woche, in der ich da war, wurde auch langsam angefangen, ihre Dinge zu sortieren und manches, weniges auch auszusortieren. Ich war dankbar, eine Aufgabe zu haben. Ich war froh zu helfen. Ihre Habseligkeiten zu betrachten, in der Hand zu halten, ihre leeren Schuhe da stehen zu sehen, das war überhaupt nicht leicht. Aber eines hat mich wirklich gefreut. Beim Sortieren ihrer Sachen habe ich festgestellt, dass wir uns nach all diesen Jahren auf eine Weise sehr ähnlich geblieben sind oder vielleicht eher geworden sind. Sie war sehr kreativ. Sie hat Bilder gemalt, die an magische Unterwasserwelten erinnern, eine Burg aus Holz für ihren Sohn gebaut, Tagebuch geschrieben, das Haus renoviert, eigene Seifen und Cremes hergestellt, mit Lebensmittelfarbe intergalaktische Pfannkuchen zum Mittagessen gekocht, ist in Musik versunken…

Und sie hat es auch geliebt aus alten Sachen Neues herzustellen. Sie hatte, wie ich, bei vielem das Bedürfnis es aufzuheben, zu sammeln, mitzunehmen, um daraus irgendwann etwas zu basteln, etwas zu erschaffen oder etwas Altes zu erhalten. Das ist eine Eigenschaft, die ich nicht mit vielen Freunden teile – oder zumindest nicht in diesem Ausmaß. Das hat mich wirklich zum Schmunzeln gebracht. Vor allem, wenn mir das Unverständnis der anderen aufgefallen ist. Hihi – da musste ich wirklich in mich hinein grinsen, denn damit muss sich meine Familie auch herumplagen. Treibholz vom Flussufer, Steine mit besonderen Mustern, alte Fensterläden vom Sperrmüll, interessant aussehende Schubladen, Stofffetzen mit allen erdenklichen Mustern – objektiv betrachtet vielleicht alles Schrott. Aber ich habe ihre Faszination für diese Dinge erkannt, ich habe sie gespürt. Das hat mich glücklich gemacht.

Auf fast alle Fragen, die ich hatte, habe ich eine Antwort bekommen. Auf fast alle – warum sie so früh gehen musste, das wird mir vermutlich niemals jemand beantworten können. Aber immerhin – so viele Antworten – das ist ein gutes Gefühl.

Und noch etwas war ein gutes Gefühl. Vor dem Besuch habe ich gedacht: „Wie kann sich die Welt nur weiter drehen. Als wäre nichts. Wieso bleibt die Welt nicht stehen?“. Und nach der Woche habe ich gedacht: „Es ist gut, dass die Welt sich weiter dreht. Es ist gut, dass nach jeder Nacht ein neuer Tag kommt. Es ist gut weiter zu machen. It’s a beautiful life…“

Und jetzt – eine Woche nachdem ich wieder hier bin, fange ich an, wieder ich zu sein. Ich kann mich wieder mit anderen treffen. Ich kann mich wieder für das Leben anderer interessieren. Ich kann wieder telefonieren. Ich kann wieder genießen. Ich möchte wieder kreativ sein. Ich komme wieder hervor aus meiner Versenkung.

Und ich kann wieder schlafen.

Elli Böttcher
elli@elliboettcher.de
6 Kommentare
  • Anita
    Geposted um 17:23h, 01 März Antworten

    Liebe Elli, ich habe deine Aufzeichnung „Mein Weg aus der Versenkung….“ mit großer Betroffenheit gelesen. Das muss eine schlimme Zeit für Dich gewesen sein.
    Vor allem musstest Du Dich mit der Endlichkeit des Lebens auseinander setzen und Dich von einem Menschen verabschieden, der Dir in Deinen Jugendtagen nahe stand.
    Ich freue mich, dass Du Deine Eindrücke, Gedanken und Gefühle so offen mitteilst und wir daran teilhaben dürfen. Dadurch konntest Du sicher das Geschehene
    bewältigen und wieder in Deinen Alltag zurückfinden.
    Ich freue mich, bald wieder neue Bastelideen und Kreatives von Dir zu lesen.

    Bis bald
    liebe Grüße
    Anita

    • Elli Böttcher
      Geposted um 21:26h, 02 März Antworten

      Liebe Anita,
      danke für deine lieben Worte. Ja, das war nicht leicht für mich, aber viele liebe Menschen waren im Rahmen des Möglichen für mich da. Das werde ich niemals vergessen.
      Alles Liebe,
      Deine Elli

  • Jule
    Geposted um 19:44h, 01 März Antworten

    Ich finde diese Worte so mutig und den Text einfach wundervoll! Danke, dass du das mit uns geteilt hast!

  • Nadine
    Geposted um 19:58h, 01 März Antworten

    Schön, dass Du Deine Gedanken mit uns geteilt hast! . Auch wenn das Lesen auf dem verschwommenen Bildschirm wirklich nicht leicht war??
    Bis hoffentlich bald, Nadine

    • Elli Böttcher
      Geposted um 21:42h, 02 März Antworten

      Liebe Nadine, danke für deine lieben Worte. Es berührt mich sehr, dass der Beitrag dich bewegt hat… Ich drück dich!

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