Ein Haus zum Träumen

Ein Haus zum Träumen

Ich möchte heute von einem ganz besonderen Haus erzählen. Es gibt Häuser, die mich zum Träumen einladen. In ihnen schlummert eine Stimmung, die mich glücklich macht. Diese Häuser sind nicht perfekt. Sie sind verwinkelt und unübersichtlich. Und diese Häuser sind immer alt. Oft sind diese Häuser groß und bieten viel Platz zum sich austoben. Sie haben unfertige Ecken und Kanten, die mich dazu einladen, mir vorzustellen, was man daraus noch alles machen könnte. An manchen Stellen blättert der Putz ab. Am Dach müssten die Balken neu lackiert werden. Alte Fenster brauchen neuen Kitt. Die Gardinen sind vergilbt.

In meinen Gedanken reiße ich den Innenhof auf und verlege Muster mit Pflastersteinen, zwischen denen das Unkraut wächst. Der Fassade verpasse ich einen neuen Anstrich. Den Gemüsegarten erwecke ich zu neuem Leben. In den verlassenen Hühnerställen sammle ich jeden Morgen die Eier ein. Am liebsten Stelle ich mir vor, wie das Leben hier vor meiner Zeit ausgesehen hat. Und wie es wohl wäre in dieser Zeit hier zu wohnen.

Das Haus zum Träumen

Dieses Traum-Haus, von dem ich berichte, steht in Portugal. Und ich finde es atemberaubend schön. Einem solchen Haus bin ich noch nie zuvor begegnet und jedes Mal, wenn ich hier bin, haut es mich fast aus den Latschen. Ich kenne mich nicht aus mit Architektur oder Baustilen. Aber ich könnte den Architekten oder Bauherren oder Auftraggeber dafür knutschen, was hier 1928 erschaffen wurde. Auf den ersten Blick sieht man die Magie nicht. Das Haus steht direkt an der Straße, der Bürgersteig ist vielleicht 40cm breit und die Eingangstür ist eher unscheinbar. Die Hausfront ist weinrot gekachelt. Die oberste Schicht der Kacheln platzt an einigen Stellen ab.

Aber wenn ich durch das alte, knarzende Hoftor gehe, habe ich den perfekten Blick auf den Innenhof des U-förmig angeordneten Bauwerks. Und direkt geht mein Kopfkino los.

Der Innenhof

Hier sehe ich mehrfach unterteilte Fenster mit grünen Quadraten in den oberen Ecken. Ich sehe einen fast schon verfallenen Holztisch mit zwei Schubladen. An einer Schublade fehlt der Knauf. Ich sehe mehrfach faltbare Türen. Zwei davon groß genug, um mit dem Auto rein zu fahren. Der weinrote Lack platzt an vielen Stellen schon ab. Die Hauswand ziert ein Kachelgemälde, das drei Hirtenkinder zeigt, denen auf einem Feld bei Fátima die Jungfrau Maria erschienen sein soll (mehr darüber könnt ihr hier erfahren). Und ich sehe eine traumhaft verschnörkelte Außenbeleuchtung. Der Dachüberstand ist mit Holzkassetten verziert. Gestützt wird er von abgerundeten und kunstvoll gestalteten Winkeln. In die Fassade wurden stuckartige Muster eingearbeitet. Auf einem Fenstersims in einer Ecke des Innenhofs hat sich ein Vogel ein kleines gemütliches Nest gebaut.

Der Wohnbereich

Wenn ich durch die Eingangstür das Haus betrete, stehe ich in einem mit Zementfliesen gekachelten Flur. Ich liebe Zementfliesen! Sie sind so robust, so kalt und so wundervoll gemustert. Wie viele Füße sind schon über diese Fliesen gelaufen? Die perfekt sanierte Holztreppe führt nach oben.

Und dann stehe ich im Wohnbereich. Und an dieser Stelle könnte ich vor Glück quasi durchdrehen. Allein schon die Tapete! Ganz zart gemustert und trotzdem schlicht. Traumhafter Dielenboden. Statt Fußleisten gibt es eine ungefähr kniehohe Holzverzierung, die sich an den Türen rund nach oben windet. Und der ganze Flur, ach was sag ich, das ganze Haus, ist voll von einfach nur hammermäßig wunderschönen Holztüren, die natürlich mit Glas verziert sind. Die meisten davon sind doppelflüglig und schwenkbar – natürlich in zwei Richtungen.

Die weißen, schlicht gemusterten Wände bringen das Holz noch mehr zur Geltung. Ach, ich liebe einfach Holz. Und hier waren wirkliche Meister am Werk!

Unzählige Fenster mit grünem und weißen oder gemustertem Glas zaubern ein ganz besonderes Licht in die hellen Räume. Sie sind vielleicht zwei Meter hoch und das Glas ist in den meisten Fenstern noch handgeblasenes. Das ist für mich lebendiges Glas! Habt ihr schon einmal durch solche Scheiben geguckt? Zauberschön!

Durch Hochschieben können die Fenster geöffnet und mit kleinen Keilen fixiert werden. Wieder andere Fenster sind doppelflüglig und haben die schönsten Griffgarnituren! Und es gibt noch ein Highlight: Viele Fenster und Türen wurden mit Eisblumen-Ornamentglas versehen… Ihr seht, ich komme aus dem Schwärmen nicht raus. Jedes Fenster kann durch doppelflügelige, klappbare Fensterläden aus Holz von innen verdunkelt werden. So viel schöner als die heutigen nüchternen Fenster aus Plastik – doppelverglast und geradlinig und langweilig.

Die Bäder

Das besondere an den Bädern sind die Fliesen. Verspielte Muster, besondere Farben und Formen – ach, schaut euch die Fotos an… Es ist unbeschreiblich. Ich bin so glücklich, dass dieses Haus und vor allem seine Bäder nicht „kaputt saniert“ wurden. Statt die Fliesen raus zu reißen und neue Leitungen zu verlegen, wurde überputz gearbeitet. So ist der antike Flair erhalten geblieben.

Das Esszimmer

Ein ganz besonderes Zimmer ist das Esszimmer. Es hat den Flair eines mondänen Wintergartens, mit Blick auf den großzügigen Garten. Hier zu sitzen, mitten im bunten Licht, das ist pures Glück. Wenn die Fenster geöffnet sind, zieht ein leichtes Lüftchen durch den Raum und über die Bäume des Gartens kann man seinen Blick schweifen lassen. Vom Esszimmer gelangt man schnell auf die Außentrasse. Wenn die Sonne zu stark ist, werden Sonnensegel gespannt. Hier wird gegrillt, gechillt und gespeist. Es ist einfach nur HERRLICH!

Räume voller Geheimnisse

Der großzügige Wohnbereich ist nur ein kleiner Teil der vielen Räumlichkeiten in diesem Haus. Es gibt noch einen Speicher, der nicht genutzt wird und nur grob ausgebaut ist. Es ist ein Raum fernab von allem. Ein Raum, in dem ich, wenn ich mich dort aufhalte, Herzklopfen bekomme. Es gibt kleine, verwinkelte Türen, die in die hintersten Ecken des Speichers führen. Fenster sind verdunkelt. Der Boden knarrt. Es fühlt sich ein wenig verboten an dort zu sein. Ich freue mich, mir vorzustellen, wie aufregend ich diesen Ort als Kind gefunden hätte.

Die Wohnküche

Wohin das Auge reicht – überall Kacheln. Und auch wenn diese vielleicht nicht nach herkömmlichem Designideal aufeinander abgestimmt sind, ergeben sie doch ein stimmiges Bild. Der Blick auf die offene Terrasse lässt die Gedanken schweifen, die kühlen Zementfliesen sind im Sommer eine angenehme Abkühlung.

Freunde von uns haben derzeit das große Glück in diesem Haus für zwei Jahre wohnen zu dürfen. Und ich habe das große Glück hier ab und zu in das hiesige Leben einzutauchen. Und wie ihr euch vorstellen könnt, ist nicht nur das Haus besonders. Auch was die beiden aus diesem Haus gemacht haben, ist SO schön! Moderner Einrichtungsstil gepaart mit antikem Flair. Bunte Farbakzente und laissez faire an den passenden Stellen. Ich sage euch, hier lässt es sich unendlich gut träumen.

In Häusern wie diesem gibt es so viel zu entdecken. Alte Bakelit-Schalter. Kleine Gewichte, die zum Offenhalten der Gartentür gebraucht wurden. Einen alten Waschtisch, der jetzt als Blumentopf verwendet wird. Kisten, Truhen und Schränke, die Schätze in sich bergen. Bauweisen, die sich heute niemand mehr auszumalen vermag. Lebensweisen, die in meiner Generation keiner mehr kennt. Ich kann Fotografien aus längst vergangenen Zeiten machen. Und das Besondere an diesen Häusern ist, dass sie nicht perfekt sind. Sie bieten Raum für Träume. Sie bieten Raum seine Gedanken schweifen zu lassen. Sie bieten Raum, Neues aufzustöbern. Sie bieten die einmalige Möglichkeit das Unperfekte perfekt zu finden. Nicht nur solche Häuser, auch solche Menschen liebe ich.

Elli Böttcher
elli@elliboettcher.de
8 Kommentare
  • Nadine
    Geschrieben um 20:29h, 13 September Antworten

    Hach… selbst ich als Liebhaber des völlig geradlinigen und schnörkellosen Wohnens habe mich dort verliebt. Hoffentlich habe ich noch einmal die Ehre

    • Elli Böttcher
      Geschrieben um 10:04h, 14 September Antworten

      Ja? Hat es dich auch erwischt? Wie schön 😉 Dann drück ich dir die Daumen, dass es nochmal klappt. Die Zeit rennt ja leider…

  • Rheingauprinzessin
    Geschrieben um 06:59h, 14 September Antworten

    Wunderschön, liebe Elli. Und so tolle Bilder!

    • Elli Böttcher
      Geschrieben um 10:06h, 14 September Antworten

      Danke, liebe Tanja! Ich konnte mich bei den vielen tollen Motiven, die das Haus hergibt, garnicht entscheiden, welche Bilder mit in den Beitrag kommen. Sind daher ein paar mehr geworden 😉

  • Anita
    Geschrieben um 12:41h, 20 September Antworten

    Liebe Elli,

    traumhaft und zauberschön…. Dein Beitrag.
    Konnte mir so richtig vorstellen, wie Du Dir dieses Haus erobert hast. Deine Bilder dazu sagen alles.

    • Elli Böttcher
      Geschrieben um 21:50h, 23 September Antworten

      Liebe Anita,
      Danke für Deine lieben Worte! Ja, dieses Haus inspiriert mich einfach jedes Mal auf’s Neue und ich freue mich, dass ich dieses Mal die Gelegenheit hatte jeden Winkel festzuhalten. Diese Fotosafari hat mich sehr glücklich gemacht!
      Alles Liebe, Elli

  • Bernhard
    Geschrieben um 23:40h, 21 September Antworten

    Liebe Elli,
    wenn dieses Haus deine Worte lesen und deine Fotos sehen könnte, es würde für einen Moment so werden, wie du es als gewesen beschreibst. Ich war schon einige Male dort, aber vielleicht noch nie so wie beim nächsten Mal, nach deinen wunderschönen Worten und Bildern.

    • Elli Böttcher
      Geschrieben um 21:47h, 23 September Antworten

      Lieber Bernhard,
      Du hast keine Ahnung, wie sehr ich mich über Deine Worte freue. Vielen Dank! Und viel Spaß beim nächsten Mal in diesem wundervollen Haus 😉
      Alles Liebe, Elli

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