Das Leben leben, in vollen Zügen…

Das Leben leben, in vollen Zügen…

Elli unterm Regenbogen

Es gibt nicht die richtigen Worte, um auszudrücken, wie es mir geht. Aber ganz ohne Worte kann ich diesen Tag nicht an mir vorbeiziehen lassen.

Was ist es, dieses Leben? Und worauf kommt es an? Was bleibt, wenn wir nicht mehr da sind?

Eine wichtige Person hat mein Leben für immer verlassen. Wobei das vielleicht auch einfach falsch formuliert ist. Womöglich wäre es richtiger zu sagen, eine wichtige Person, die mich für immer prägen wird, ist gestorben. Mein Leben verlassen wird er nie.

Heute wäre mein Onkel 59 Jahre alt geworden. Ich wünschte, ich könnte diesen Tag mit ihm verbringen. Die Realität ist allerdings: Selbst wenn er leben würde, wäre ich heute nicht bei ihm. Für mich war es das ein oder andere Jahr ein Bedürfnis, und manches Mal einfach eine Pflicht, eine Gewohnheit, eine Gepflogenheit ihm zu gratulieren. Heute kann ich es nicht tun und ich möchte es so sehr wie noch nie. Ich denke an ihn, und ich wünschte, ich könnte ihn anrufen und sagen: „Alles Gute zum Geburtstag!“ und „Wie schön, dass du geboren bist.“ Ich wünschte, ich könnte diesen Tag heute mit ihm verbringen. Ein kleines bisschen wünschte ich sogar, ich hätte zumindest eingeplant, diesen Tag heute mit ihm zu verbringen.

Es ist schon seltsam, wie selbstverständlich ich das Leben jeden Tag so hinnehme. Mein großes, glückliches Leben. Mit gesunden Kindern und einer heilen Familie, die zusammenhält. Meine Familie, meine Eltern, meine Schwester und mein Bruder wohnen keine 6 Kilometer voneinander entfernt. Diese Nähe – ich liebe sie.

Auch meine Schwiegereltern, mein Schwager und meine Schwägerin, meine Neffen, meine Großeltern, meine Tanten und Onkels und meine Cousins und Cousinen – wir sind zwar deutschlandweit verstreut, aber wir stehen in Kontakt. Wir schätzen einander, wir lieben einander. Vielleicht seit dem Tod meines Onkels noch ein bisschen mehr. Denn unsere Bande sind uns bewusster. Sie sind zum Greifen nah. Wir sind miteinander verbunden.

In unserem Alltag spielen wir gegenseitig nicht alle füreinander eine große Rolle  – aber keine Kilometer oder Überzeugungen hindern uns daran, dass wir miteinander verbunden sind. Meistens sogar, weil wir miteinander verbunden sein wollen. Vielleicht momentan so stark wie sonst noch nie.

Mein Onkel war ein Querulant, ein Denker, ein Gerne-das-Gegenteil-Behaupter – nur um einen aus der Reserve zu locken. Er war ein Feingeist, ein Freigeist, ein belesener Besserwisser, ein Kunstliebhaber, ein Sammler, ein Kämpfer, ein Fels in der Brandung. Ein Musikenthusiast. Er war gebildet, verspielt, belesen, detailverliebt, großzügig, visionär und unermüdlich. Edgy, provokant und es war unangenehm, wenn er einem den Spiegel vorhielt. Und gleichzeitig war genau das so überraschend und schockierend, wie heilsam. Manchmal tat es mir gut, mich von ihm zu distanzieren. Manchmal tat es gut, die Reibung einfach zuzulassen. Egal wie: Man kam an ihm nicht vorbei.

Bei jedem Familientreffen, war er einer derjenigen, die auch in den frühen Morgenstunden mit dem vorhandenen Pegel noch die Welt in Ordnung zu rücken versuchten. Er war einfach nicht klein zu kriegen. Er war mutig, dabei auch das ein oder andere Mal übermütig und anmaßend. Er hatte zu allem eine Meinung. Und die tat er auch kund. Ich habe mich schon immer gefragt: Woher nimmt er diese Energie?

Auf jeden Fall war er jemand, der sein Leben gelebt hat. In vollen Zügen. Mit wenig Rücksicht auf Verluste. Mit wenig Schlaf und viel Reibung. Und die Menschen, die er geliebt hat, waren ein Teil davon. Ich bin glücklich zu diesen Menschen gehört zu haben. Ich bin „Sozusagen grundlos vergnügt“ (Gedicht von Mascha Kaléko). Und ich merke jetzt, das ist ein verbindendes Glied.

Der Tod schweißt Menschen zusammen, die sich vielleicht niemals begegnet sind. Die vielleicht sonst nichts miteinander zu tun gehabt hätten. Aber auf der Trauerfeier, in den Erinnerungen der Hinterbliebenen, lernt man sie kennen, lernt man ihn kennen. Denn wir haben eine Gemeinsamkeit. Die Liebe zu der Person, die diese Erde für immer verlassen hat.

Mein Onkel als Kind, mein Onkel als Schulkamerad, mein Onkel als Bruder, als WG-Mitglied, mein Onkel als Vater, mein Onkel als Kollege, mein Onkel als Liebhaber, mein Onkel als Konkurrent, mein Onkel Arbeitskollege, mein Onkel als Freund, mein Onkel als Lebenspartner, mein Onkel als Vorbild, mein Onkel als schlechtes Beispiel, mein Onkel als Opa, mein Onkel als Wegbegleiter, mein Onkel als Inspiration – wie viel habe ich über ihn erfahren… an seiner Beerdigung.

Ich habe immer vorausgesetzt, dass uns noch Jahre miteinander bleiben. Zu akzeptieren, dass es nicht so ist, fällt mir unglaublich schwer. Es ist gar nicht so, dass ich das an etwas Bestimmtem festmache. Es war einfach zu früh, ihn gehen lassen zu müssen.

Zurück bleiben Erinnerungen. Zurück bleiben materielle Hinterlassenschaften. Zurück bleibt das, mit dem er mich geprägt hat. Seine Gegen-den-Strom-Gedanken, sein Glaube daran zu wissen, was gut ist und sein Kampfgeist.

Mein Onkel ist in einer analogen Welt groß geworden. Ohne YouTuber, ohne Influencer. Um sich Wissen anzueignen, griff er zu Büchern – von denen er etliche angesammelt hatte. Über Künstler, Philosophen, Wissenschaftler und Historiker. In seiner Kindheit gab es kein fließendes warmes Wasser. Die Toilette war im Hof. An Weihnachten formten sich Eisblumen an den Fensterscheiben – von innen. Sein Traum von Freiheit war ein anderer als mein Traum von Freiheit.

Er hat so viele verschiedene Orte sein Zuhause genannt. Aber da, wo er zuletzt lebte, schien er tatsächlich angekommen zu sein. Ich habe ihn als ganz erlebt. Er war nicht mehr so getrieben, wie die Jahre zuvor.

Letztes Jahr im Sommer wollte ich ihn besuchen fahren. Den Ort erleben, den er geschaffen hat. Und ihn. Ich habe es nicht geschafft. Ich habe gedacht „Nächsten Sommer klappt es bestimmt. Oder im Herbst.“ Das klingt so abgedroschen. Aber ich wünschte, ich hätte ihn in diesem Sommer einfach besucht.

Was ist es, dieses Leben? Und worauf kommt es an? Sind nicht die Personen, die uns nahe stehen, das Wichtigste, das wir haben? Was sind dagegen schon Prestige, Ansehen, Geld, Hobbies, Erfolg, Ruhm, Anerkennung… Sind das nicht Nebensächlichkeiten?

Ich befinde mich derzeit auf der Suche nach dem, was wichtig ist, was mir wichtig ist. Nach dem Essentiellen. Nach des Pudels Kern im Leben. Aber ich vermute, damit befinde ich mich auf einem Irrweg. Denn es geht nicht um das eine Wichtige. Es geht um die vielen kleinen wichtigen Dinge. Und um die vielen großen wichtigen Dinge. Und ich denke, es ist an der Zeit, das Leben wieder beim Schopfe zu packen.

Es geht um das, was mein Leben ausmacht. Es geht um die Menschen, die mein Leben ausmachen. Und um die Menschen, für die ich das Leben ausmache. Familie, Freunde, Verwandte, Bekannte und vor allem Kinder.

Mein Onkel war wirklich gut darin, Geschenke zu machen. Er hatte einen Sinn für Figuren, Bedeutungen, Literatur und Anlässe. Es gibt so viele dingliche Dinge, die mich in meinem Leben tagtäglich an ihn erinnern. Geschnitzte Pferdefiguren, philosophische Bücher, gerahmte Fotos, Postkarten, einen Fuchs-Türstopper, Sandmännchen-Kuschelfiguren, einmalig schönen, handgemachten Schmuck aus Bronze, ostdeutsches Holzhandwerk und eine Mütze aus weißem Hasenfell (die mir übrigens nicht gefällt, die aber seiner Begeisterung für allerlei entspricht). Und das macht mich ein Stück weit glücklich. Er ist so manifest in meinem Blickfeld. Und ich denke an ihn.

Es bleibt eine Lücke, die nichts und niemand füllen kann. Das ist auch gut. Diese Lücke wird also bleiben. Aber er würde wollen, dass seine Hinterbliebenen das Leben leben. In vollen Zügen. Das kann ich schaffen. Und vielleicht ist es das, was das Leben ausmacht.

Vielleicht schaffe ich es auch, das bei manchen Menschen zu bewirken. Vielleicht gelingt es mir, bei den Menschen, die mir wichtig sind, einen Eindruck zu hinterlassen. Spuren zu hinterlassen.

Ich möchte Güte, Liebe, Großzügigkeit, Mut, Rückhalt, Inspiration und Stütze denjenigen geben, die ich liebe und die das zulassen. Ich möchte meine Mitmenschen so akzeptieren, wie sie sind. Sie lieben, ohne sie verändern zu wollen. Ich möchte anregen zum Träumen, zum aus der Reihe tanzen, zum Selbst-Sein und zum sich selbst so akzeptieren, wie man ist.

Und dann möchte ich auch noch Spaß haben! Mich locker machen, auf meinem Baumhaus übernachten, meinen Gartenzaun fertig bauen, Menschen mit Wichteltüren begeistern, Konzerte rocken, den Wechsel der Jahreszeiten erleben und genießen, Vögel beobachten, meinen Körper spüren, neue Orte entdecken, leckere Köstlichkeiten speisen, meine Kinder groß lieben…

Das sind sind hohe Ansprüche und gleichzeitig, finde ich, ein erreichbares Ziel. Was meinst du?

Elli Böttcher
elli@elliboettcher.de
4 Kommentare
  • Eure Moni
    Geposted um 08:18h, 16 Juni Antworten

    Meine Liebe, das hast Du sooooooo schön geschrieben es ist einfach toll das zu lesen!! Ich habe Euch ganz Doll lieb!

  • Gike
    Geposted um 08:40h, 16 Juni Antworten

    Liebe Elli, du hinterlässt bereits Spuren! Es ist ein Text der mich sehr berührt hat und auch zum Nachdenken anregt.
    Meiner Meinung nach rockt man genau so das Leben 💪🥰!

  • Rheingauprinzessin
    Geposted um 11:37h, 17 Juni Antworten

    Sehr schön geschrieben, liebe Elli. Lebe und liebe weiter so wie du es machst und fühlst und es dir gut tut. Es ist schön, dass du deine Begeisterung und deine Gedankenteilst, sie geben auch anderen, mir, ganz viel Positives!

  • Anita
    Geposted um 13:55h, 18 Juni Antworten

    Liebe Elli,

    Dein Text zum Tod von Deinem Onkel und zum Leben hat mich zutiefst berührt un d gerüht. Ich kannte Deinen Onkel nicht so gut, aber dass er etwas Besonderes ist und war,
    ist mir bei den wenigen Begegnungen aufgefallen. Du hast ihn so treffend, liebe- und respektvoll charakterisiert: er hätte sicher veschmitz darüber gelächelt.

    Du bist auf einem guten Weg, dem Leben das Beste und Wertvollste abzugewinnen – das hinterlässt Spuren und zeugt von viel Leben. Ich bin sehr dankbar, dass es Dich gibt und freue mich jeden Tag darüber.

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